Die Auferstehung und das Leben

Es gibt einen Vers im Johannesevangelium, der nur zwei Wörter umfasst. Es ist der kürzeste Vers der ganzen Bibel – und gleichzeitig hat er wirklich eine tiefe Bedeutung.

„Jesus weinte.“

Die Bibel, Johannes 11,35

Gott weint?! Zwei Wörter. Ein krasses Bild. Viele Fragen.

Ein Gott, der weint

Was war passiert?

Lazarus, ein enger Freund von Jesus, war gestorben. Als Jesus eintraf, lag er bereits seit vier Tagen im Grab. Seine Schwestern Maria und Martha waren in tiefer Trauer. Die Menschen um sie herum trauerten mit. Und als Jesus kommt, steht er nicht einfach abseits oder über den Dingen. Er sieht das verschlossene Grab seines Freundes. Die Tränen der beiden Schwestern, die ihm nicht weniger am Herzen lagen. Und er weint mit. Er trauert. Er kann nicht nur ihren Schmerz nachfühlen, sondern Jesus empfindet auch selbst den Schmerz des Verlustes.

Das ist bemerkenswert. Nicht weil Weinen ungewöhnlich wäre – sondern weil Jesus beides war – und ist – Gott und Mensch. Er wusste in diesem Moment genau, dass er Lazarus kurz darauf wieder auferstehen lassen würde. Er wusste, dass diese Geschichte gut ausgehen würde, die Geschwister wieder glücklich zusammen und ihre Trauer sich in gewaltige Freude verwandeln würde. Und trotzdem weint er. Der ewige Gott, die Quelle allen Lebens, Herr über Leben, Tod und Auferstehung – er hält betroffen inne vor dem Grab eines Menschen, fühlt den Schmerz und lässt ihn zu. Nicht weil er hilflos wäre, sondern weil ihm wirklich etwas an uns Menschen liegt. Trauer ist real, auch für Gott – denn Trauer entsteht, wenn Liebe und Verlust aufeinander treffen.

Hier sehen wir, dass unser Gott kein teilnahmsloser, ferner Herrscher ist, der von oben auf das menschliche Leben schaut und den weder unsere Freude noch unser Leid berühren. Indem Jesus Mensch wurde, hat er uns gezeigt, wie unser Gott ist. Er liebt uns wirklich. Und er sieht uns, nicht als große Masse, sondern jeden einzelnen Menschen. Er nimmt echten Anteil an unserem Leben, unserem Schicksal. Er hat Mitleid mit uns – und kam herab in unsere Welt, um Teil unseres Lebens und Leidens zu werden und uns durch sein Kreuz einen Ausweg zu bahnen, durch den wir Leid und Tod hinter uns lassen können.

Im Angesicht des Todes

Auf dem Weg zum Grab von Lazarus kommt Jesus Martha entgegen. Sie sprechen miteinander. Und in diesem Gespräch – mitten hinein in Marthas Trauer, im Angesicht des Todes ihres geliebten Bruders – sagt Jesus etwas, das die gesamte Menschheitsgeschichte betrifft:

Jesus spricht zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das?“

Die Bibel, Johannes 11,25-26

Er sagt nicht: „Ich erkläre euch den Tod.“ Nicht: „Ich tröste euch über den Tod hinweg.“ Sondern: „Ich bin die Auferstehung. Ich bin das Leben. Und nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern ich.“

Das ist ein gewaltiger Anspruch. Jesus könnte kaum deutlicher sagen, dass er Gott ist. Und er belässt es dann auch nicht einfach nur bei Worten – sondern schreitet zur Tat. Er geht zum Grab, einer Felsengruft, die er öffnen lässt. Und dann ruft er: „Lazarus, komm heraus!“ (Johannes 11,43) Und Lazarus kommt heraus – lebendig!

Noch vor seinem eigenen Tod und seiner Auferstehung zeigt Jesus hier, wer er ist: Der Herr über Leben und Tod. Mit Macht, den Tod durch ein Wort außer Kraft zu setzen.

Hoffnung, die über das Grab hinausgeht

Tod ist das Thema, über das wir am liebsten schweigen. Wir schieben es weg, solange es geht. Aber irgendwann holt der Tod uns alle ein. In schweren Krankheiten und dem schleichenden Verfall des Alterns hören wir sein Echo, im Verlust eines geliebten Menschen steht er uns unvermittelt gegenüber, in Unfällen streift er uns oder unsere Freunde – und in den stillen Stunden der Nacht, wenn die Fragen kommen, die tagsüber keinen Platz in unserem Denken haben, klopft er an. Es ist die Natur unseres Lebens, dass es mit dem Tod enden wird und keiner weiß, wann oder wie es für ihn soweit sein wird.

Was bleibt von mir? Und was kommt danach? Ist da irgendetwas – oder ist da ein großes Nichts?

Viele Menschen haben versucht, auf diese Fragen zu antworten. Philosophen, Religionsstifter, Dichter, Evolutionsforscher, Science Fiction-Autoren. Manche Antworten sind tröstlich, manche klug, manche schön, manche vage, manche verstörend. Aber keine einzige dieser Antworten kommt von jemandem, der selbst in den Tod gegangen und auf der anderen Seite wieder herausgekommen ist. Außer einer.

Jesus ist wieder auferstanden. Das ist die zentrale Behauptung der Bibel, um die sich alles dreht. Hunderte Augenzeugen werden angeführt, von denen später auch viele ihr Leben für den christlichen Glauben riskiert und nicht wenige auch gegeben haben, denn die erste christliche Gemeinde war kurz nach ihrer Entstehung einer brutalen Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt. Christ zu sein hatte für die ersten Christen einen hohen Preis. Es ist nicht vorstellbar, dass das Christentum unter diesen Umständen überhaupt hätte entstehen können, wenn Menschen wie Martha und Maria auch noch aufgestanden wären und die Wunder Jesu als Lüge angeprangert hätten, statt sie zu bestätigen.

Aber die Beweislage war so überwältigend, dass viele Menschen sich trotz Widerstand für den christlichen Glauben entschieden – und dabei blieben. Sie glaubten, dass Jesus Auferstanden war, denn viele von ihnen hatten ihn nach seiner Auferstehung leibhaftig gesehen und die Beweise für seine Gottheit waren überall um sie herum zum Greifen nahe. Und damit dürfen wir auch heute immer noch die Tatsache seiner Auferstehung entdecken und für uns als Wahrheit erkennen und annehmen.

Und darin liegt der Unterschied – denn weil Jesus auferstanden ist, gibt sein Wort uns eine Hoffnung, die trägt – und die über das Grab hinausgeht.

Am Punkt der Entscheidung

Jesus spricht zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das?“

Die Bibel, Johannes 11,25-26

Jesus stellte Martha am Ende direkt die Frage, ob sie ihm glaubt. Nicht als Prüfung. Nicht als Falle. Sondern als echte, persönliche Einladung. Und Einladungen haben es nun mal so an sich, dass man sie aktiv annehmen muss, um zu bekommen, was versprochen wurde.

Deswegen hallt diese Frage von Jesus auch bis heute nach, denn wenn Jesus wirklich auferstanden ist, wenn er wirklich Gott ist, dann ist diese Sache die wichtigste für jeden einzelnen Menschen. Denn dann gibt es eine Erlösung von diesem Dasein hier, das so von Sünde, Leid und Tod geplagt ist. Dann gibt es Hoffnung über den Tod hinaus. Weil er es gesagt hat.

Glaubst du das?