Was bedeutet „heilig“?

Im letzten Post haben wir uns am Ende gefragt: Wenn Gott Liebe ist, warum kann er Sünde dann nicht einfach ignorieren? Warum braucht es ein Kreuz und ein Opfer?

Die Antwort liegt in einer ganz besonderen Eigenschaft Gottes: Er ist heilig.

Ein Wort, das wir nicht mehr kennen

„Heilig“ ist eines der am häufigsten missverstandenen Wörter der religiösen Sprache. Für viele klingt es nach „Kirchenmuff“, frommen Bildern oder weltfremder Perfektion. Für andere ist es einfach ein Verstärker – „heiliger Strohsack!“ – ohne jeden echten Inhalt.

Das hebräische Wort „qadosh“ im Urtext der Bibel, das wir mit „heilig“ übersetzen, bedeutet im Kern: abgesondert, völlig anders, von einer anderen Kategorie. Heilig sein bedeutet also nicht einfach „sehr gut“ oder „sehr fromm“ zu sein. Es bedeutet grundlegend verschieden von allem zu sein, was wir kennen. Und genau so ist Gott – völlig anders als wir!

Heiligkeit als Wesen Gottes

Die Heiligkeit Gottes hat unter seinen vielen außergewöhnlichen Eigenschaft noch mal eine ganz besondere Stellung. Die meisten anderen können wir in gewissem Maße nachvollziehen, denn wir Menschen verfügen selbst über eine Form der selben Eigenschaft, wenn auch in viel schwächerer und fehlbarer Form. Aber wir kennen Kreativität, Macht, Liebe, Barmherzigkeit, Weisheit und vieles mehr doch aus unserem Alltag. Bei Heiligkeit ist das anderes. Man kann nicht „ein bisschen heilig“ sein. manche Menschen mögen augenscheinlich „besser“ sein als andere – aber das ist etwas ganz anderes. Wenn mein Gegenüber sich besser beherrschen kann, ist das lobenswert – aber Heiligkeit bedeutet, die Versuchungen erst gar nicht zu haben, mit denen wir Menschen doch alle gleichermaßen zu kämpfen haben.

Deswegen ist die Heiligkeit Gottes so anders – wir können intellektuell verstehen, was das ungefähr bedeutet – aber niemand kennt sie auch nur ansatzweise aus seinem Alltag und niemand kann sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie es wäre, selbst heilig zu sein. Was würde das an unseren Wünschen ändern? Wie würden wir andere Menschen ansehen? Wie wichtig wäre uns noch Geld oder Status? Wie würde sich unser Denken, wie unsere Pläne ändern? Aber Heiligkeit ist der Kern von Gottes Wesens und sie durchdringt alles andere.

Als der Prophet Jesaja Gott in einer Vision sah, hörte er die Engel rufen:

„Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen; die ganze Erde ist erfüllt von seiner Herrlichkeit!“

Die Bibel, Jesaja 6,3

Dreifach heilig. In der hebräischen Sprache ist die Wiederholung eines Wortes die stärkste Form der Betonung. Etwas dreifach zu wiederholen war ohne Beispiel. Es ist die einzige Stelle in der gesamten Bibel, wo eine Eigenschaft Gottes auf diese Weise betont wird. Nicht „gütig, gütig, gütig“. Nicht „weise, weise, weise“. Sondern: Heilig!!

Und Jesajas Reaktion darauf?

„Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich, und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich. Denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen.“

Die Bibel, Jesaja 6,5

Jesaja war ein wirklich frommer und gottesfürchtiger Mensch, ein Prophet Gottes. Und seine erste Reaktion beim Anblick Gottes ist nicht Freude, sondern Entsetzen. Nicht weil Gott böse wäre, sondern weil der Kontrast zwischen Gottes Heiligkeit und der menschlichen Unvollkommenheit so überwältigend groß ist.

Was Heiligkeit konkret bedeutet

Gottes Heiligkeit hat zwei Seiten, die zusammengehören:

Erstens: Absolute moralische Reinheit. Gott ist ohne jeden Makel, ohne jeden Schatten von Unrecht, ohne die geringste Spur von Bösem. Er kann nicht lügen. Er kann nicht ungerecht sein. Und deswegen kann er Sünde auch nicht einfach übersehen. Nicht weil er kleinlich wäre, sondern weil Sünde seinem Wesen fundamental widerspricht. Wie Licht und Dunkelheit nicht gleichzeitig denselben Raum füllen können, so kann Heiligkeit und Sünde nicht einfach nebeneinander existieren, als wäre nichts.

Zweitens: Vollkommene Gerechtigkeit. Heiligkeit bedeutet auch, dass Gott niemals ungerecht ist. In keine Richtung. Er bestraft nicht zu viel. Aber er bestraft auch nicht zu wenig. Schuld bleibt Schuld. Sie verschwindet nicht einfach, weil Zeit vergeht oder weil wir uns genug Mühe gegeben haben. Keine Sünde hat eine Verjährungsfrist. Jede Sünde hat einen Preis.

„Ein Gott der Treue und ohne Falsch, gerecht und aufrichtig ist er.“

Die Bibel, 5. Mose 32,4

Das eigentliche Problem

Der Mensch vergleicht sich quasi reflexartig mit anderen Menschen. Das kennen wir alle. Je nach Charakter entweder bevorzugt mit denen, die scheinbar schlechter sind als wir. Dann fühlen wir uns gut, moralisch überlegen und sind vielleicht auch stolz darauf, fühlen uns sicher. Oder wir vergleichen uns bevorzugt mit den wirklich vorbildlichen Menschen, eifern ihnen vielleicht sogar nach – haben dann aber in der Tendenz mit Schuldgefühlen zu kämpfen, weil wir ihren Standard nicht erreichen. Tatsächlich ist aber beides gleichermaßen falsch!

Ein Vergleich: Vor Gericht bestimmt nicht der Angeklagte, mit welchem anderen Menschen und unter welchem Maßstab er zu bewerten ist, sondern er wird gerecht nach dem Maß des Gesetzes beurteilt. Dabei ist es egal, ob der Angeklagte dem zustimmt oder nicht. Es ist auch nicht relevant, ob er das Urteil anerkennt oder nicht.

Der Maßstab, an dem jeder Mensch gemessen wird, um seine Schuld oder Unschuld festzustellen, ist Gottes Heiligkeit, denn daran sind Gottes Gebote ausgerichtet. Und das Ergebnis steht für jeden von uns schon vorher fest, denn wir Menschen sind vieles – aber wir sind alle keine Heiligen. Nicht im eigentlichen Sinn des Wortes. Nicht so, wie Gott es ist.

Das ist unbequem. Aber es ist ehrlich.

Und genau hier wird die Frage nach dem Kreuz verständlich. Wenn Gott heilig ist und Schuld nicht einfach ignorieren kann – wie kann er dann gleichzeitig vergeben? Wie kann er gerecht und gnädig zugleich sein, wenn diese beiden Prinzipien sich doch scheinbar gegenseitig ausschließen?

Das ist kein unlösbares Problem. Aber es kostet etwas.

Im nächsten Post schauen wir uns an, was zwischen Gottes Heiligkeit und uns Menschen steht – und warum die Bibel dafür ein sehr klares Wort hat: Sünde.