Die Nacht, in der alles begann

Gründonnerstag (heute) vor ca. 2.000 Jahren

Es war ein – scheinbar – ganz normales Abendessen. Ein Raum, ein Tisch, dreizehn Männer, miteinander befreundet und eng vertraut. Brot, Wein, Gespräche. Nichts, was einem Passanten auf der Straße irgendwie aufgefallen wäre. Aber:

„Vor dem Passahfest aber, da Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater zu gehen: Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“

Die Bibel, Johannes 13,1

Jesus saß hier mit seinen zwölf Jüngern. Es war der letzte ruhige Abend, den sie hatten. Er wusste, was in den nächsten Stunden auf ihn zukam: Verrat, Verhaftung, Verhör, Spott, Schläge, die furchtbaren Schmerzen am Kreuz und dann sein Tod. Und trotzdem saß er da, brach das Brot mit seinen Jüngern, schenkte Wein ein. Er nahm sich nochmal ganz bewusst Zeit für die Männer, die ihm am nächsten waren, um sie bestmöglich für das Kommende vorzubereiten.

Schließlich tat Jesus dann etwas, das seine Jünger überraschte und etwas überforderte: Er kniete nieder und wusch ihnen die Füße. Das war keine symbolische Geste für eine Andachtsstunde. Das Waschen von Füßen war eine unwürdige, erniedrigende Arbeit, die den untersten Dienern und vor allem Sklaven vorbehalten war. Niemand sonst tat das. Und Jesus, der Mann, mit dem diese Männer in den letzten drei Jahren ihr Leben geteilt hatten, den sie „Herr“ und „Meister“ nannten, der kniete nun vor jedem einzelnen von ihnen nieder, um ihnen so zu dienen. Auch vor Judas, der ihn wenig später verraten würde.

„Ein Vorbild habe ich euch gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Die Bibel, Johannes 13,15

Ein schwerer Weg

Und dann war es soweit. Eine Weile nachdem Judas gegangen war, um Jesus zu verraten, kam auch der Moment, wo sich Jesus selbst ganz bewusst von der gemütlichen Atmosphäre losriss und auch auf den Weg machte – den Weg ans Kreuz. Ganz so, wie er es seinen Jüngern angekündigt hatte:

„Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den obersten Priestern und Schriftgelehrten ausgeliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und werden ihn den Heiden ausliefern, damit diese ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferstehen.“

Die Bibel, Matthäus 20,18-19

Jesus ging mit seinen Jünger hinaus nach Gethsemane. Das war ein großer Garten mit Olivenbäumen am Stadtrand von Jerusalem. Am späten Abend war es dort einsam, dunkel und still. Und dort passierte wieder etwas unerwartetes, das alle Menschen bis heute noch überraschen und zum Nachdenken herausfordern darf: Jesus, der Sohn Gottes, der Wunder gewirkt, Stürme gestillt, Dämonen ausgetrieben und Tote auferweckt hatte, brach zusammen.

„Meine Seele ist tief betrübt bis zum Tod. Bleibt hier und wacht mit mir!“

Die Bibel, Matthäus 26,38

Jesus warf sich auf den Boden. Er betete. Er rang mit der Angst vor den schrecklichen Qualen, die ihm bevorstanden. Der Arzt Lukas beschreibt, dass sein Schweiß dabei wie Blutstropfen zur Erde fiel – ein seltenes Zeichen von extremster psychischer Belastung und seelischer Not, das Mediziner aber bis heute noch kennen.

Das ist kein unberührbarer, unnahbarer Gott, der die Ereignisse auf der Erde nur aus sicherem Abstand beobachtet. Jesus war Gott aber er war eben auch genau so ein Mensch geworden. Und die Nacht in Gethsemane war die dunkelste Nacht seines Lebens. Er war nicht im Himmel geblieben, denn er wollte nicht einfach nur beobachten, sondern gestalten, eingreifen, retten. Er war gekommen, um der Menschheit, die sich von Gott abgewandt hatte, einen neuen Weg zu eröffnen – den Rückweg.

Drei mal bete er zu seinem Vater im Himmel. Drei mal rang er mit der Last der Aufgabe. Drei mal entschied er sich für völlige Hingabe – zur Ehre des Vaters und zu unser aller Nutzen – statt für seine Bequemlichkeit.

„Mein Vater! Ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“

Die Bibel, Matthäus 26,39 – so auch in Vers 42 und 44

Warum ist das wichtig?

Hier sehen wir, was am Kreuz passierte, geschah nicht aus Versehen. Nicht als Niederlage. Nicht als Tragödie, die außer Kontrolle geraten ist. Jesus ging sehenden Auges in den Tod, so wie er und der Vater es geplant hatten. Er ging freiwillig. Er ging für uns.

Jesus trat in die Kluft zwischen Gottes Gerechtigkeit, wo Schuld bestraft werden muss – und Gottes Gnade, die den Sünder retten will. Das ist, was am Kreuz geschehen ist. Jesus hat für und bezahlt, was kein kein Mensch bezahlen kann, damit wir geschenkt bekommen können, was sich keine Mensch selbst verdienen könnte: Eine Rückkehr in eine unbelastete, lebendige Beziehung zu ihm selbst und Gott, dem Vater.