Warum gibt es so viel Leid?

Es gibt eine Frage, die vielleicht mehr Menschen vom Glauben fernhält als jede andere. Nicht Wissenschaft. Nicht Philosophie. Nicht intellektueller Zweifel. Sondern diese:

Wenn es einen guten Gott gibt – warum gibt es dann so viel Leid?

Das ist keine abstrakte Frage. Sie steckt hinter dem Blick von Eltern, der ihr Kind an Krebs verloren haben. Hinter der Überforderung mancher alleinerziehenden Mutter. Hinter der Erschöpfung erwachsener Kinder, ihre pflegebedürftigen Eltern selbst versorgen. Hinter dem stillen Schmerz von jemandem, dem einfach immer wieder Unrecht passiert, ohne dass irgendjemand es bemerkt oder wo der Rechtsstaat versagt.

Diese Frage ist die vielleicht schwerste, die jeder Weltanschauung und jeder Religion gestellt werden kann, nicht nur dem christlichen Glauben. Und weil sie nicht nur eine intellektuelle Dimension hat, sondern gerade auf der emotionalen Ebene eine große, sehr persönliche Resonanz hat, verdient sie eine ernsthafte und ehrliche Antwort. Denn welcher Mensch hätte noch nie Leid erfahren oder Menschen in seinem nächsten Umfeld leiden sehen?

Heute wollen wir uns aus Respekt vor den Menschen, die in akuter Not sind, vor allem auf die emotionale Seite der Antwort konzentrieren, denn im Ernstfall ist Trost und Hoffnung wichtiger, als alle Antworten zu allen Details und Sonderfällen. So geht Gott in der Bibel übrigens auch mit uns an das Thema Leid heran. Aber dazu später. Zunächst erstmal zur Einordnung zwei Sichtweiten, die in weiten Teilen unserer Gesellschaft vorherrschen, jedoch selten wirklich klar geäußert und herausgestellt werden:

Die wissenschaftlich-atheistische Haltung zu dem Thema, wie sie von Richard Dawkins, Christopher Hitchens und anderen Vorreitern dieser Bewegung bis in die letzte Konsequenz durchgedacht worden ist, sagt, dass es keinen Gott gibt. Damit gibt es dann auch zwingend kein absolutes Gut und Böse, sondern nur Meinungen, denn es fehlt eine Instanz über der Menschheit, die die Autorität hätte, zu entscheiden, was absolut gut oder eben böse ist. Das Leben an sich ist auch nur ein kosmischer Zufall. Evolution ist der gnadenlose, planlose, mechanisch ablaufende Prozess, der das Leben vorantreibt. Tod und Leid sind gewissermaßen sein Treibstoff, absolut notwendig für den Fortschritt des Lebens. Aber weil es in dieser Weltanschauung weder Gut und Böse gibt, sind Leid und Tod auch nichts schlechtes. „Unangenehm“, natürlich, aber da das Leben selbst ja nur ein Zufall und ohne tieferen Sinn oder Plan entstand, ist auch dein eigenes Leben am Ende einfach sinnlos und dient keinerlei höherem Zweck. Ob du lange glücklich lebst, oder furchtbar leidest und früh stirbst, was du im Leben tust, ob du deine Gene an viele Kinder weitergibst oder nicht, es ist bedeutungslos. Und wenn alles Leben morgen endet, ist das nicht besser oder schlechter, als wenn es bis zum Ende des Universums weiter besteht.

Keine Sinn. Kein Plan. Kein Trost. Keine Perspektive. Nicht einmal die philosophische Grundlage, Leid und Tod wirklich als schlecht zu verurteilen oder dem Menschen einen echten Wert zuzumessen, der über dem einer beliebigen Amöbe läge. Zum verzweifeln…

Die zynische Haltung, die man zuweilen hört, ist, dass angesichts des Leides in der Welt Gott nicht gut und allmächtig sein könne. Er könne nur gut aber nicht allmächtig sein oder eben nur allmächtig aber dann auf gar keinen Fall gut.

Der gute „Gott“, der aber nicht allmächtig ist, ist am Ende auch nur eine Witzfigur wie Weihnachtsmann und Osterhase. Wenn er nicht größer ist als das Problem, dann kann er auch keine Antworten, keinen Sinn, keinen Trost und keine Hilfe geben.

Und der andere hier vorgeschlagene „Gott“, der allmächtig aber böse ist – nun, das wäre mit Sicherheit der größtmögliche Albtraum…

Ein realistischer Blick in die Welt zeigt uns aber weit mehr als nur Leid und Tod. Da ist auch unfassbar viel Schönheit und Gutes! So abgrundtief furchtbar und böse die schlimmsten Taten der Menschen auch sind und so verheerend die großen Naturkatastrophen und Seuchen, so wunderbar selbstlos und gut sind auch die edelsten Taten der Menschen. Und unsere Gesellschaft und Wissenschaft scheint mehr denn je erst am Anfang zu stehen, das gewaltige Potential der Schöpfung zum Guten nutzbar zu machen. Wenn wir nur mal Antibiotika nehmen und Impfungen – kann man ermessen, wie viel Segen sie der Menschheit gebracht haben? Das sind ja keine Erfindungen in dem Sinne, dass sie wirklich vollständig menschgemacht sind, sondern eigentlich „nur“ neue und clevere Anwendungen von Wirkmechanismen und Naturgesetzen, die schon immer da waren, lange bevor wir sie erforscht und verstanden hatten.

Unsere Antwort auf die Frage nach dem Leid muss also auch erklären können, warum es neben Leid und Tod auch so viel Gutes in der Welt gibt.

Ein Blick in die Bibel gibt uns einen ganz anderen – und überraschenden – Zugang zu dem Thema. Der älteste Teil der Bibel insgesamt ist das Buch Hiob – genau, dass ist der Mann, nach dem die „Hiobsbotschaft“ benannt ist. Es ist das allererste Stückchen von Gottes Wort, dass je aufgeschrieben wurde. Und was behandelt es? Leid! Schwerstes, langes, scheinbar sinnloses Leid und den Kampf um die Frage, was der Grund, der Sinn und die Lösung dafür ist.

Der allererste Teil des Neuen Testaments, der aufgeschrieben wurde, der Jakobusbrief, behandelt eine ganze Reihe von Themen. Aber das erste Thema, dass er aufgreift, ist wieder der Umgang mit Leid.

Leid ist das erste Thema, zu dem Gott der Menschheit je etwas aufgeschrieben hat! Und Leid finden wir auch im Zentrum der großen Geschichte Gottes mit der Menschheit. Ja, die Bibel beschönigt nicht, dass durch die Entscheidung des Menschen gegen Gott die Sünde in die Welt kam – und mit ihr der Tod – und mit ihm das Leid. Die Bibel stellt uns aber auch einen Gott vor, der nicht einfach abseits von Allem im Himmel geblieben ist, sondern der seine eigene Herrlichkeit abgelegt hat und der herabgestiegen ist in unsere Welt. In Jesus Christus wurde Gott Mensch, um uns nachzugehen, uns nach dem Sündenfall ganz neu zu begegnen – und er hat sich damit auch zu einem Teil unserer Leidensgeschichte gemacht.

„Obwohl er [Jesus] in jeder Hinsicht Gott gleich war, hielt er nicht selbstsüchtig daran fest, wie Gott zu sein. Nein, er verzichtete darauf und wurde einem Sklaven gleich: Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und war in allem ein Mensch wie wir. Er erniedrigte sich selbst noch tiefer und war Gott gehorsam bis zum Tod, indem er wie ein Verbrecher am Kreuz starb. Deshalb hat Gott ihn in den Himmel gehoben und ihm einen Namen gegeben, der höher ist als alle anderen Namen.“

Die Bibel, Philipper 2,6-9

Das ist keine abstrakte Theologie. Das ist Gott, der in Jesus Christus selbst Hunger, Erschöpfung, Neid, Verleumdung, Ablehnung der eigenen Familie, Verfolgung, Mordversuche, Verrat durch einen engen Freund, Ungerechtigkeit, schlimmste Folter und einen grausamen Tod am Kreuz erlebt hat. Ganz am Ende hat ihn dabei nur noch die schneidende Häme seiner spottenden Feinde begleitete, während sich alle, die ihm nahe gewesen waren, von ihm abgewandt hatten.

„Verachtet war er und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut; wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt, so verachtet war er, und wir achteten ihn nicht. Fürwahr, er hat unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen; wir aber hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden ist uns Heilung geworden. Wir alle gingen in die Irre wie Schafe, jeder wandte sich auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Schuld auf ihn.“

Die Bibel, Jesaja 53,3-6

Wir haben einen Gott, der Leid nicht nur vom Hörensagen kennt. Und mit seiner Wiederauferstehung sagt uns Jesus, dass weder Leid noch Tod das letzte Wort haben müssen, wenn du ihm vertraust! Auf deinem Lebensweg in dieser Welt, mit allen Höhen und Tiefen, wird er dir treu zur Seite stehen und mit dir gehen, wenn du ihn in dein Leben einlädst. Und wenn der, der selbst das Leben ist, Teil deines Lebens wird, dann wirst du auch an seinem ewigen Leben teilhaben, das über diese Welt hinausgehen wird – in eine neue:

„Er wird alle ihre Tränen abwischen, und es wird keinen Tod und keine Trauer und kein Weinen und keinen Schmerz mehr geben. Denn die erste Welt mit ihrem ganzen Unheil ist für immer vergangen.“ Und der auf dem Thron saß, sprach: „Siehe, ich mache alles neu! Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst!“

Die Bibel, Offenbarung 21,4-5; 22,17

Gott schaut nicht weg, sondern er ist da und er reicht dir die Hand.
Greif zu!