Die wichtigste Frage

Es ist eine beliebte Debatte unter den jüdischen Schriftgelehrten der damaligen Zeit: Die Tora, das sind die fünf Bücher Mose am Anfang des Alten Testaments, enthalten 613 Gebote. Aber welches davon ist das wichtigste?

Ursprünglich eine ehrliche und wichtige theologische Frage. Aber nicht, als sie Jesus gestellt wird:

Ein Gesetzesgelehrter stellte ihm eine Frage, um ihn zu versuchen, und sprach: „Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?“

Die Bibel, Matthäus 22,35-36

Die Falle lag diesmal nicht in einer Zwickmühle, wie wir sie gestern angeschaut haben. Sie lag in der Fülle der Antwortmöglichkeiten. Bei 613 Geboten gibt es viele, die offensichtlich wichtig sind – und es gab eine ganze Wolke aus Meinungen und Strömungen unter den Gelehrten, wie die Gebote zu ordnen wären. Egal, was Jesus sagen würde, er würde zwangsläufig in Widerspruch zu anerkannten Autoritäten kommen – und damit seine eigene Autorität untergraben. So der Plan.

Zwei Gebote, ein Kern

Jesus antwortet weder ausweichend, noch zerredet er die Frage. Er antwortet – mit einer Klarheit und Bestimmtheit, die überrascht – und entwaffnet:

Und Jesus sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten.“

Die Bibel, Matthäus 22,37-40

Das ist weit mehr als eine clevere Zusammenfassung. Jesus sagt im Grunde: Die 613 Einzelgebote sind kein loses Sammelsurium unabhängiger Vorschriften. Sie sind konkrete Erklärungen und Anwendungen, wie das Ausleben der beiden grundsätzlichen Gebote im Alltag konkret aussehen sollte – damals in der Zeit und dem Kontext Israels. Das Gesetz war nie als das eigentliche Ziel gedacht. Es war Gottes konkreter Wegweiser in Raum und Zeit auf ein ewiges, universell gültiges Prinzip hin – auf den Punkt gebracht in den beiden eleganten Geboten, die Jesus nannte.

Mehr als ein Gefühl

Das Wort „Liebe“ trägt im Deutschen heute oft nicht mehr viel Gewicht. Es ist abgenutzt durch Werbung, Schlagertexte und beiläufigen Gebrauch – mal ein Gefühl, mal eine Floskel. Was Jesus hier mit „Liebe“ meint, ist eine tiefe, vertrauensvolle Beziehung, in der man füreinander da ist und auch füreinander handelt – mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand. Nicht als eine Pflicht, sondern weil man den anderen wirklich wertschätzt und es einem dadurch ein echtes Anliegen ist, auf ihn zu achten, ihm zu gefallen und mit ihm zusammen zu sein. In einer möglichst intakten und reibungslosen Gemeinschaft.

Genauso ist die Beziehung zu Gott gemeint. Kein Pflichtenkatalog, den man abarbeitet, sondern ein auf gemeinsame Prinzipien gegründetes Miteinander. Man tut oder vermeidet etwas, weil man weiß, wem man begegnet ist und was man an ihm hat.

Wo das hinführt

Mit dieser Antwort öffnet Jesus etwas, das weit über einen Streit um Meinungen hinausreicht. Wenn das ganze Gesetz an diesen zwei Grundprinzipien hängt, dann liegt der Sinn aller Vorschriften nicht in ihnen selbst, sondern alles führt in eine Beziehung zu dem, der die Gebote gegeben hat.

Und durch Jesus ist jeder Mensch eingeladen, genau diese Beziehung zu suchen und einzugehen. Nicht über das Abhaken einer Checkliste, sondern durch Vertrauen, das wächst, wenn man sich besser kennenlernt.

„Darum vertrauen dir die, die deinen Namen kennen, denn du, HERR, lässt die nicht im Stich, die dich suchen.“

Die Bibel, Psalm 9,11 (NeÜ)