Das Lamm Gottes

Es ist ein ganz normaler Tag am Jordan – jedenfalls seit Johannes der Täufer öffentlich predigt. Menschen kommen, ihn zu hören und sich taufen zu lassen – viele Menschen. Zehntausende. Gottes Wort bewegt die Massen. Und Johannes der Täufer steht im Zentrum dieser großen Bewegung.

Bis er dann eines Tages jemanden auf sich zukommen sieht. Jemand ganz besonderen. Jemanden, den er sofort erkennt. Und er weiß: Jetzt ändert sich alles! Jetzt ist die Zeit des Ankündigens für ihn vorbei, denn der, der da kommt, wird nun erfüllen. Was er dann sagte, kündigte mit einzigartiger Schlichtheit die Ereignisse an, die die gesamte Menschheitsgeschichte für immer in ein „Davor“ und ein „Danach“ geteilt haben:

Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“

Die Bibel, Johannes 1,29

Keine lange Einleitung. Kein Kontext. Einfach nur dieser eine Satz – eine Erkenntnis, die zu groß und zu wunderbar ist, um sie für sich zu behalten.

Aber was haben die Zuhörer damals verstanden, als Johannes „das Lamm Gottes“ sagte? Die Juden von damals waren darauf vorbereitet – wir heute nicht – deswegen lohnt es sich für uns, genauer hinzusehen.

Ein Bild mit langer Geschichte

Für jeden Juden damals war „das Lamm“ kein abstraktes Bild. Es war ein zentraler Bezugspunkt der Geschichte des Volkes Israel mit vielschichtiger Bedeutung.

Das bekannteste Lamm der jüdischen Geschichte steht am Anfang – das Passahlamm. Für die Nacht des Auszugs aus Ägypten hatte Gott angekündigt, dass ein „Engel des Todes“ durch das Land ziehen und jedes Haus heimsuchen würde – es sei denn, die Bewohner würden ein makelloses Lamm schlachten und sein Blut an die Türpfosten streichen. Wo der Engel das Blut an den Türpfosten sehen würde, würde er vorübergehen. Und so geschah es auch.

Was auffällt: Der Engel hat nicht geklopft und gefragt, wer da wohnt. Er hat auch nicht geprüft, ob die Menschen hinter der Tür fromm genug waren, ob ihr Leben gut genug war oder ob sie es irgendwie verdient hatten, gerettet zu werden. Er hat nur eines geprüft: War Blut an der Tür, waren die Menschen im Haus gerettet. Ohne Blut gab es auch keine Rettung.

Das Blut des Lammes war das einzige Kriterium. Denn wer das Lamm geschlachtet und das Blut an die Türpfosten gestrichen hatte, hatte damit gezeigt, dass er Gottes Wort vertraute. Er glaubte, dass ihn dieses Blut retten würde.

Das ist Glaube. In seiner reinsten, klarsten Form. Vertrauen, das Taten nach sich zieht.

Nur Vorschatten

Dieses Passahlamm war nicht das einzige Lamm in Israels Geschichte. An der Stiftshütte und später im Tempel in Jerusalem wurden täglich Lämmer geopfert – morgens und abends. Jahr für Jahr, Generation für Generation. Tausende von Lämmern, Zehntausende, über Jahrhunderte. Und zusätzlich gab es noch viele weitere Begebenheiten, wo Lämmer geopfert wurden. Zu Festen. Von Einzelpersonen. Im Grunde ständig. Es war Alltag. Ebenso wie der Anblick von Schafherden überall im Land. Und dann hat der Prophet Jesaja etwa siebenhundert Jahre vor Jesus eine Ankündigung ausgesprochen, die die Zuhörer am Jordan alle kannten:

„Wir alle gingen in die Irre wie Schafe, jeder wandte sich auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Schuld auf ihn. Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird…“

Die Bibel, Jesaja 53,6-7

Damit war allen klar: Jedes Lamm, das jemals geopfert wurde, war nur ein Vorschatten. Ein Hinweis auf etwas – jemanden! – der noch kommen sollte. Und Israel wurde jahrhundertelang von der Frage bewegt, wann dieser besondere Mann, den Jesaja angekündigt hatte, kommen würde, der einem Opferlamm so ähnlich sein würde. Eine Frage, auf die noch keine Antwort da war – bis Johannes der Täufer an diesem denkwürdigen Tag am Jordan Jesus erblickte.

Das Original

Aber Johannes sagt noch etwas, das ebenso gewaltig ist wie das Bild des Lammes selbst. Dieser Jesus, das Lamm Gottes in Menschengestalt, würde Sünden „hinwegnehmen“. Und nicht einfach nur die Israels. Oder die der Frommen. Jesus war gekommen, die Sünden der Welt wegzunehmen. Der ganzen Welt. Aller Menschen aus allen Völkern!

Was wir bei diesem Bild nicht vergessen dürfen: Das Passahlamm zeigt uns, dass Rettung kein Automatismus ist. Gott lässt uns die Entscheidung, ob wir einem Wort Glauben wollen und ob wir seine Rettung annehmen wollen. Und nur dann, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, ihm zu vertrauen und dann auch tatsächlich konkret das tun, was er gesagt hat, wird seine Rettung für uns Realität. Und nur dann.

Eine Frage an dich

Jesus, das Lamm Gottes, trug und bezahlte am Kreuz alle Sünden der Menschheit. Vollständig. Das ist vollbracht – erledigt. Aber die Entscheidung, ob du sein Rettungsangebot annehmen willst, liegt bei dir. Und die Frage, die sich dir deswegen stellt, ist dieselbe, die die Juden damals mit Jesus und auch schon mit dem Passahlamm vor sich hatten:

Vertraust du Gottes Wort?
Glaubst du, dass dich das Blut des Lammes rettet?

Wenn ja, dann sag Jesus das. Sag ihm, dass du seine Vergebung in Anspruch nehmen möchtest, die er dir am Kreuz mit seinem Blut erkauft hat. Das ist die Konsequenz des Glaubens an ihn.

„Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.“

Die Bibel, Johannes 3,36