Es ist einer der ältesten Vorwürfe gegen den Glauben – und einer der wirkungsvollsten, weil er so selbstsicher klingt: Der Glaube ist eine Krücke! Etwas für Menschen, die die Realität nicht aushalten. Die sich lieber in Illusionen flüchten, als dem Leben ins Gesicht zu sehen. Starke Menschen brauchen das nicht!
Klingt überzeugend, denken viele. Aber stimmt es auch?
Schau dir die Menschen an
Bevor wir über Theorie reden, lohnt ein Blick auf die Praxis. Denn der Glaube hat im Laufe der Geschichte keine besonders weiche Landung geboten.
Der Apostel Paulus – einer der schärfsten Denker der Antike, ausgebildet unter dem besten Rabbiner seiner Zeit – beschreibt sein Leben nach seiner Bekehrung so: Mühsal, Schläge, Auspeitschen, Gefängnis, Todesgefahr, Schiffbruch – dazu oft in Gefahren auf Reise, auf Flüssen, auf dem Meer, in Städten und Wüsten, durch Räuber, durch Verfolgung von Juden und Heiden gleichermaßen, durch Verräter – dazu oftmals Hunger und Durst (vgl. 2. Korinther 11,23-27).
Das klingt nicht gerade nach einer „bequemen Krücke“, oder?
Die ersten Christen wurden nicht reich, waren nicht gut angesehen und hatten mit Sicherheit kein leichtes Leben – weil sie glaubten. Sie wurden verspottet, verfolgt, misshandelt, vertrieben, hingerichtet und in Rom sogar im Kolosseum den Löwen vorgeworfen. Trotzdem hielten sie an ihrem Glauben fest.
Und so ist es bis heute: Christen sind die weltweit am stärksten verfolgte Gruppe. Und es trifft die, die unter Druck und Verfolgung an ihrem Glauben festhalten. Sie halten an ihrem Glauben fest, obwohl ihnen klar ist, was es kostet. In Ländern wie Nordkorea, China, vielen muslimischen Ländern oder einer ganzen Reihe Staaten Afrikas bedeutet es nicht selten den Tod. Ihr Glaube ist es ihnen wert. Das ist keine Schwäche. Das ist das Gegenteil davon.
Was wirklich Mut braucht
Aber gehen wir einen Schritt weiter. Denn der Krücken-Vorwurf setzt etwas voraus, das man ruhig hinterfragen darf. Demnach ist Glauben für Schwache – und nicht zu Glauben ist für Starke.
Aber ist das wirklich so?
In einer Welt, in der Glaube mindestens belächelt wird – in Universitäten, Redaktionen, einer Mehrheit der Gesellschaft – ist es tatsächlich die bequemere Wahl, einfach mitzuschwimmen. Einfach untertauchen im Schutz der Masse. Da muss nämlich keiner irgendetwas erklären. Einfach mitgehen – die Mehrheit wird schon Recht haben – passt schon!
Kritisch beäugen und fragen lassen müssen sich nur die Außenseiter, die Randgruppen. Und so eigenartig das in einem Land mit so starker christlicher Vergangenheit auch ist, Christen gehören da inzwischen dazu. Christlich sind viele noch. Aber Christen, die die Bibel selbst lesen und wirklich glauben, was da steht? Das geht den meisten dann doch zu weit.
Soweit ist das wohl für keinen etwas Neues. Aber darüber wird leicht übersehen, dass Christen noch von einer anderen Seite Kritik, spitze Fragen und unbequeme Aussagen aushalten müssen – und zwar von der Bibel.
Überrascht?
Gottes Wort ist kein seichter Roman zum weglesen und weglegen. Die Bibel redet offen und ungeschminkt über die Realität des Menschseins, über Schwachheit, Versagen, Sünde. Sie stellt unbequeme Fragen, fordert heraus. Sie reicht uns auch Erkenntnis, Gottes Gnade und Weisheit in Fülle dar, doch diese zu ergreifen – und festzuhalten – ist eine echte Lebensaufgabe.
„Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben.“
Die Bibel, Hebräer 4,12-13
Die Bibel ernst zu nehmen ist ein Blick in einen Spiegel, der zurückblickt. Das ist keine Einladung zur Selbstberuhigung. Das ist eine Begegnung, die einen nicht unverändert lässt!
Stärke – aber woher?
Die Bibel sagt uns deutlicher als jeder menschliche Kritiker, dass alle Menschen schwach sind. Auch Christen. Die wirklich spannende Frage ist also nicht, ob es nun mehr oder weniger Mut und Kraft braucht, als Christ zu leben – sondern woher dieser Mut und diese Kraft kommen soll. Und genau dazu hat Gottes Wort eine unerwartete, überraschende Antwort:
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen! Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne.“
Die Bibel, 2. Korinther 12,9
Nicht: Stell dich stark. Nicht: Reiß dich zusammen. Sondern: In deiner Schwäche kannst du eine Kraft erfahren, die nicht aus dir kommt.
Das ist kein Rückzug aus der Realität. Das ist eine sehr ehrliche Aussage über den Menschen – und ein Angebot Gottes, das sich zu prüfen lohnt. Solche Angebote – Verheißungen – finden sich übrigens zuhauf in der Bibel. Gott verspricht viel und fordert den Leser offen heraus, ihn bei seinem Wort zu nehmen und zu prüfen, ob Gott das Seinige dann auch wirklich tun wird.
Deswegen kann man die Bibel auch nicht ernst nehmen und prüfen, ohne dabei gleichzeitig die eigene Weltsicht ihrer Prüfung zu unterziehen.
Die große Frage
Am Ende dreht sich der Vorwurf um.
Die Frage ist nicht: Ist Glaube eine Krücke für Schwache?
Die Frage ist vielmehr:
Hast du den Mut, dich der Bibel zu stellen?
