Man kann den Unterschied sehen

Und an jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen.

Die Bibel, Jesaja 29,18

Die meisten von uns können sich nicht vorstellen, wie es ist, nicht sehen zu können, nicht in der Lage zu sein, die Farbe Geld zu beschreiben oder das Gesicht einer lieben Menschen in einer Menge zu erkennen oder einfach eine Straße zu überqueren. Die Gabe des Sehens ist ein enormer Segen, hinsichtlich dessen wir manchmal vergessen, dankbar zu sein.

Aber denken wir an Fanny Crosby (1820-1915), die mehr als 8.000 Lieder schrieb. Dies würde reichen, um einen Stapel von 15 Liederbüchern zu füllen. Und diese enorme Anzahl brachte ihre Verleger dazu, verschiedene Künstlernamen zu erfinden, damit die unglaubliche Arbeitsleistung glaubhafter schien.

Sie sah die Dinge anders.
Sie war dankbar für den Segen des Blindseins.

Im Alter von sechs Wochen hatte man ihr heiße Kompressen auf die Augen gelegt, um damit eine Entzündung zu behandeln. Das aber führte dazu, dass empfindliches Gewebe vernarbte und sie dauerhaft erblindete. Sie wollte jedoch nicht mutlos werden, weil sie ihr Sehvermögen verloren hatte. Im Alter von acht Jahren schrieb sie ein kleines Gedicht, in dem stand, was für ein „glückliches Kind“ sie trotz ihrer körperlichen Einschränkung doch war.

In ihrer Autobiografie äußerte sie später, dass sie nie diese enorme Anzahl von Liedern hätte schreiben können, wenn sie fortwährend durch das abgelenkt gewesen wäre, was es alles in dieser interessanten Welt zu sehen gab. „Gott hat anscheinend in seiner weisen Vorsehung beabsichtigt, dass ich mein ganzes Leben lang blind sein sollte. Und ich danke ihm für diese Fügung.“

„Ich danke ihm“, schrieb sie. Für die Blindheit.

In dieser Welt gibt es zwei Arten von Menschen, die undankbaren und die dankbaren. Was unterscheidet sie? Die einen vergeuden ihr Leben, und die anderen nutzen es. Die einen sind blind für die Herrlichkeit und die anderen singen „O Gott, Dir sei Ehre“1. Die einen sind bitter und die anderen singen „Seliges Wissen“1.

Man kann den Unterschied sehen.


1: Beide Lieder stammen von Fanny Crosby.

Nancy DeMoss Wohlgemuth
Aus: Wolfgang Bühne, „Fest & Treu“, CLV, S. 3